W. J. Chaminade

Wilhelm Josef Chaminade (1761-1850), der Mann aus Périgueux

Der spätere Gründer der Marianistischen Familie  ist am 8. April 1761 in der südwestfranzösischen Stadt Périgueux als jüngstes (vierzehntes!) Kind seiner Eltern Blasius und Katharina Chaminade geboren. Der Vater war Glasermeister, später Tuchhändler.

Die Bischofsstadt Périgueux zählte damals etwa 6.000 Einwohner (heute etwa 30.000). Die Familie Chaminade wohnte im noch mittelalterlich geprägten Teil der Stadt rund um die ungewöhnlich große Domkirche Saint-Front, eine Kreuzkuppelkirche mit fünf Kuppeln, nach dem Vorbild des Markusdoms in Venedig im 12. Jahrhundert über einer älteren Kirche mit dem Grab des hl. Fronto, des Glaubensboten der Gegend, erbaut. 

Chaminade besuchte das Kollegium St. Karl im nahen Mussidan, ein diözesanes Knabenseminar. Nach dem Abschluss blieb er am Kollegium als Lehrer und Verwalter. 1785 empfing er die Priesterweihe wie drei seiner Brüder vor ihm; zwei von ihnen wirkten ebenfalls am Kollegium als Lehrer und Erzieher. Diese ihn erfüllende Tätigkeit nahm ein brutales Ende durch die Französische Revolution, die das Kolleg aufhob und beschlagnahmte (1790/91).

Chaminade übersiedelte mit seinen Eltern in ein kleines Landhaus am Stadtrand von Bordeaux. Während der Terrorherrschaft Robespierres wirkte er im geheimen als Priester in Bordeaux, unter ständiger Lebensgefahr, und erwarb sich auf diese Weise die Hochachtung vieler treu gebliebener Christen. Als nach der Hinrichtung Robespierres (1794) die Christenverfolgung langsam abebbte, wurde Chaminade von der Diözesanleitung mit der Aussöhnung rückkehrwilliger Priester beauftragt. Als sich die Lage neuerlich verschärfte (1797), musste Chaminade ins spanische Exil gehen.                                                              

Drei Jahre lebte er in Zaragoza nahe der Wallfahrtskirche Unserer Lieben Frau von der Säule (Pilar). Hier hatte er Zeit, über sein zukünftiges Wirken nachzudenken. Die nur wenige Jahre, aber brutal und systematische Entchristlichung Frankreichs hatte offenkundig gemacht, dass vieles im Gebälk der französischen Kirche schon lange morsch gewesen war. Nun war alles – oder doch fast alles – zusammengebrochen: keine Kirchen mehr für die Katholiken, keine geregelte Seelsorge, keine Schulen, keine Caritaseinrichtungen usw. Hier wollte Chaminade ansetzen. Die wenigen treu gebliebenen Katholiken wollte er in Gemeinschaften sammeln, die andere Menschen anziehen.

Diese Pläne setzte er nach seiner Rückkehr nach Bordeaux im Spätherbst 1800 um. Ein späterer Erzbischof von Bordeaux stellte fest, dass alle katholischen Initiativen im Bordeaux der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts entweder von Chaminade ausgingen oder dass er mit Rat und Tat mitgewirkt hatte.

Den Anfang machte Chaminade mit der Gründung der „Kongregation“ Anfang 1801. Sie hatte Gruppen für Burschen, Mädchen, Frauen und Männer.  Die Gruppen trafen sich zu Glaubensgesprächen, Gottesdiensten, sozialen Einsätzen und zur Bildungsarbeit.  Chaminade erwarb 1804 für die Kongregation die ehemalige Klosterkirche „Madeleine“ nahe der Kathedrale von Bordeaux. Von nun an war diese Kirche mit den dazu gehörigen Gebäuden der Mittelpunkt seines Wirkens und blieb dies bis zu seinem Tod 46 Jahre später. 

Im Jahr 1809 löste Napoleon die Kongregation – wie alle ähnlichen Zusammenschlüsse in Frankreich – auf. Manches reifte im Verborgenen weiter. Nach dem Sturz Napoleons (1814) – während der „Hundert Tage“ wurde Chaminade sogar verhaftet – blühte alles wieder auf.

Die Kongregation hatte sich inzwischen über Bordeaux hinaus verbreitet; so gab es einen weiblichen Zweig um Adele de Trenquelléon, die noch auf dem gleichnamigen Schloss ihrer Familie nahe der Stadt Agen lebte. 1816 gründete sie mit Hilfe Chaminades die Ordensgemeinschaft der „Marientöchter“ (FMI), die heute auch Marianistenschwestern genannt wer-den.

Im Jahr 1817 entstand schließlich die männliche Ordensgemeinschaft der Marianisten (Gesellschaft Mariä, SM). Die Mitglieder – Priester und Brüder/Laien – haben gleiche Rechte und Pflichten und tragen keine Ordenstracht. Mit diesen ungewöhnlichen Elementen griff Chaminade wohl das in den Anliegen der Französischen Revolution enthaltene Gute auf.

Beide Ordensgemeinschaften sollten – was ihr Wirken betrifft – offen sein für die Bedürfnisse der Zeiten. Schnell stellte sich heraus, dass die schulische Bildung eines der großen Mankos jener Zeit war. So empfinden heute noch beide Gemeinschaften Bildung aus einen zentralen Auftrag, ohne ausschließlich „Schulorden“ zu sein.

Die Leitung der Kongregation und der beiden Orden, insbesondere des männlichen Zweiges, füllte das weitere Leben Chaminades aus. Im Jahr 1845 legte er die Leitung der Gesellschaft Mariä zurück, da ihm das hohe Alter schon schwer zu schaffen machte. Noch zu Lebzeiten Chaminades hatte sich der Orden außerhalb Frankreichs in der Schweiz und in den USA verbreitet.  Der Gründer verstarb am 22. Jänner 1850 an der „Madeleine“ in Bordeaux.

Am 3. September 2000 sprach Papst Johannes Paul II. Wilhelm Josef Chaminade auf dem Petersplatz in Rom selig. Wir haben gute Hoffnung, seine Heiligsprechung bald erleben zu dürfen.

Josef Grünstäudl SM, Provinzarchivar

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